Donnerstag, 30. Juli 2015

Ballade

Letztens sagte einer: „Schreib ein Buch über den Prenzlauer Berg!“

Seitdem recherchiere ich in Gedanken.

Der Titel soll lauten: „Planet der Schwaben“.
Es soll ein Kochbuch werden. Mit viel lecker Konsum. Und Köstlichem vom Spieß. Alles clean eating.
Mit schwarz-grünem Smoothie-Mix. Prise Kommerz, Löffelchen Bio.
Und alles auf Englisch.
Ich werde es meiner Tochter widmen: Der Hedda.

Oder es wird ein Elternratgeber.
Der Titel kann lauten „vegan diet for children – meat risk“ oder so. ...doch ein Kochbuch? Auf jeden Fall Englisch.
Rat muss drin sein. Wie die Kleinen auf Spielplätzen ihr Spielzeug verteidigen. 
Wie sie der Versuchung von Wurst widerstehen.
Und ein Kapitel für den elterngerechten Einkauf im kids concept store. 
Und den Einkauf von niedlichen, kleinen Markenturnschuhen. Die stammen zwar aus Kinderarbeit, aber immerhin nicht aus der der eigenen Kinder. Check.
Kinder müssen auch lernen Konflikte immer, wirklich immer, selbst zu lösen 
– gewusst wie. Mithilfe von Apps vielleicht.

Apps... Vielleicht doch ein Jugendroman? Von unbedeutenden Kleinstädtern auf der Suche nach dem ganz großen Like. Vom kleinen, dünnen Mann, der auszog, um groß zu werden und dünn zu bleiben. Dringend auf Englisch. Dürre ist dumm. Skinny ist beste. Der läuft dann in ein (ehemaliges) Nazihaus, um ein Photo von der Aussicht über den Tellerrand zu schießen.
Wird nur `n Selfie. Mega-Dislike.

Oder ein Sachbuch. Über Mietrecht.
Titel? „Komm als Freund, bleib als Schwein.“ wäre nicht sachlich.
Da erkläre ich dann, dass man für das richtige feeling in den Osten zieht. Bei Gerüchen aus der Pinte im Erdgeschoss muss geklagt werden. Und nicht billig wohnen. Drei Jahre provinzieller Landflucht zum Übergang im unsanierten Altbau sollten genügen.
Danach dann ein Townhouse mit ein bisschen Rest-Identität im Namen.
Und mit bisschen Englisch... „Schoenhouse“ vielleicht.
Klingt fast wie ein Märchen...

Oder ein Märchen!

Aber dazu fällt mir nichts ein.


Euer Stephen King

Donnerstag, 4. Juni 2015

Bei Anruf – Gähnende Leere!

Wut ist ein seltsames Spiel. Mit einem Kind entstehen ganz neue Wüte. Daher bin ich oft wütend.
Seit kurzem stelle ich das gesteigerte Desinteresse meines Umfelds an meinem undesaströsen Familienleben fest – und möchte alles kurz und klein schlagen.

...früher noch der Woody Allen der sensationshungrigen Stammtischmeute, stolzer Träger amüsanter Alltagsspitze, Erfinder kleiner Katastrophen mit großem Unterhaltungswert, mit festem Fuß im Fettnäpfchen und einer Vielzahl kurzweiliger Beziehungen, die das ein oder andere ebenso flotte Anekdötchen für eine heitere Thekenrunde in petto hielten.

Das Telefon war von meinem Ohr nicht mehr wegzudenken. Das war beinahe eine organische Sache. Festnetz, Handy, Headset – ich war quasi 24/7 das Callcenter der peinlichen Romanze.

„Wie geht es mit M?“
„Nicht so gut. Er hat wieder ne Andere gevögelt.“
„Dieses Schwein.“
„Ja, er ist ein richtiges Schwein.“
„Willst Du ihn töten?“
„Ich denke ja.“
„Ok. Ruf an, wenn es erledigt ist.“
„Ok.“
„Tschüss.“
„Tschüss.“

Ich bin momentan grundsätzlich glücklich. Ein großes Problem. Das Schmieröl meiner Freundschaften – Leid – ist damit ranzig geworden und beeinträchtigt den bis dahin gut laufenden Motor doch erheblich.
So befindet sich mein Handy heute – vor allem im Flugmodus – auf einer sehr durstigen Langstrecke.

„Hallo.“
„Hallo.“
„Wie geht es mit B?“
„Sehr gut.“
„Mh, schön.“
(...)
„Aber er ist ein Schwein?“
„Ja, er ist auch ein richtiges Schwein.“
„Mh. Tschüss.“
„Tschüss.“

Das Interesse endet im Grunde vor dem Hallo. Der Rest ist der peinliche Versuch, der öden Situation doch noch Spannung einzuhauchen.

Wieder könnte meine Chance bei meinem Kind (1) liegen.
Vielleicht kann ich es zu Smalltalk-Zwecken ins Spiel bringen, um meinem Privatleben den gewissen Pep zu verleihen?

„Hallo.“
„Hallo.“
„Weißt Du was Heddi gemacht hat?“
„Nein.“
„...sich bis zum Hals vollgeschissen.“
„Nein! Dieses Schwein.“
„Ja, sie ist wirklich ein Schwein.
Ich muss sie jetzt wieder aus der Scheiße ziehen. Wie immer.“
„Ok. Tschüss.“

Tschüss.

Montag, 4. Mai 2015

Wer nichts wird, wird Wirt.

SUPER!
Man hört oft von den Träumen der Eltern. Den ungelebten. Den niemals verwirklichten Träumen, die es nun im Leben der Kinder zu Realität bringen sollen.

Ich selbst habe es in meinem Leben niemals zu einer Kneipe gebracht.
Im Vollrausch am Tresen stehen. Am eigenen Tresen. Mein Traum.
Wie schaffe ich es also, dass aus Heddi nichts wird, um dem unerfüllten Wunsch nach Flatratesaufen in heimischer, aber offizieller Atmosphäre nicht länger hinterherzujagen?

Frühkindliche Prägung.

Ich linse kurz zu ihr rüber. „Weißt Du, was total gut schmeckt?“ Schweigen. 
„Na Mamas Milch.“ Schweigen. 
„Und weißt Du was noch viiiiiel besser schmeckt?“ (...)
Mist. Ist sie begabt? Vielleicht.

Sollte eine Hochbegabung vorliegen, gibt es Hoffnung. Genies gucken gerne tief ins Glas. Dafür erfahren sie jedoch Bewunderung für ihren Freigeist und Billigung jedweder nötiger Umstände, diesen so unkonventionell ausleben zu können.

Ich möchte jedoch nicht, dass sie trinkt.

Zumindest nicht mehr als das, was mindestens nötig ist, um seinen Gästen ein gutes Gefühl von Ebenbürtigkeit zu geben. 
Welcher Wirt ist schon propagierender Antialkoholiker?

Es rattert.

Vielleicht sollte ich ihr Spielzeug auf zu erwartende Lerneffekte hin untersuchen? Ich finde es ohnehin überflüssig, Rundes in Rundes und Eckiges in Eckiges zu fädeln, um dann enttäuscht festzustellen, dass sich mit dieser Ordnung nun nichts weiter anstellen lässt.

Wie früh Kindern Anpassung beigebogen wird, erschüttert mich bei diesem Gedanken so sehr, dass ich mich in meinem Vorhaben Zukunftswerkstatt bestärkt fühle. 
Also weg mit denPuzzles, Memorys und Ausmalbüchern.
Übrig bleiben die Kuscheltiere. Das ist gut. Und wichtig.

Geselligkeit ist das A und O in jedem guten Kneipenbetrieb.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Was Du kannst, kann ich nicht.

Ich sitze in Strumpfhose auf der Couch. Ohne Schlüpfer. Den habe ich irgendwie vergessen. Nicht auszudenken, wozu ich noch fähig wäre.

Vor meiner Couch läuft ein Weg direkt in die Freiheit.
Auf den Balkon. Zum Rauchen.
Kippchen und Weinchen. Mein Leben.
Mein Leben vor Heddi.

Ich sitze also auf der Couch. Eine Brust hängt aus dem BH, lieblos mit dem fleckigen Stilltuch abgedrückt, den ununterbrochenen Milchstrahl stoppend, um die Besudelung des Polsters zu verhindern. („Ist das Design oder besudelt?“)
Die andere Brust mit tauber Hand wegen taubem Arm sucht verzweifelt den Mund meines Babys, klatscht gegen die Nase, ins Auge und an die zugekniffenen Lippen. 
Sie will nicht trinken. Heddi will schreien.

Ich bin sicher, sie zerfetzt mir das Trommelfell. Das Geschrei ist so laut, dass Tränen in meine Augen treten – auch wenn mir noch nicht ganz zum Heulen ist. Meine Bandscheibe schmerzt.
Zumindest schmerzt bei diesem Lärm immer etwas an einer Stelle, an der ich sie vermuten würde. 
Druck steigt in meine Ohren. Das Trommelfell. Gleich platzt es. Gegendruck. Ich öffneden Mund zum Gähnen. Gegendruck hilft.

„Liebling, ich geh mal für ´n Kippchen.“
„Was?“ Ich habe es längst gehört, ich schinde nur Zeit, um sie ihm zu geben. Er soll die Situation bemerken, in der ich mich befinde und vor lauter Sensibilität in diesem Moment das Rauchen aufgeben.
(Und das Baby stillen. Aber dieser Gedanke führt zu nichts...)

„Ich rauch nur kurz eine. Bin gleich wieder da.“
Bist Du behämmert? Als ob die Zeit Deiner Abwesenheit meine aussichtslose Lage weiter verschlimmern könnte.
Mir ist egal, wo Du hingehst und wie lange – das Einzige, woran ich denke, ist, dass Du rauchen kannst. Und ich nicht.
Es ist der Neid auf Deine Freiheiten, der mich auffrisst.

Ich versuche mit gespielter Lockerheit in Dir ein Gefühl von Bewunderung zu wecken, das folglich in Mitleid münden muss (so in etwa: auch in diesem Moment versucht sie, Haltung zu bewahren...ach, immer will sie für andere die Starke sein...sie tut mir sehr leid...ich werde mir das Rauchen abgewöhnen...).

„Ja, Liebling – ich höre Dich ganz schlecht. Du gehst rauchen?! Ja. Ich halte hier die Stellung.“ Du bist draußen. Die Balkontür ist zugeknallt.

10 Minuten später auf Deinem Rückweg flötest Du wieder etwas in meine Richtung. Heddi ist gerade in meinem Arm eingeschlafen, vor Erschöpfung, hungrig.

„Schnauze. Sie schläft. Und ich kann Dich eh nicht mehr hören.“

Dienstag, 20. Januar 2015

Mutterweise.

Im Rückbildungskurs. Fröhliche Babys kugeln sich lachend von Bauch auf Rücken. Wieder zurück. Heben in entsprechender Lage den Kopf, grapschen sich den Schnuller, legen ihn hin, greifen wieder zu.

Ich gucke Heddi an. Meine Augen fragen: „Warum kannst Du das nicht?“ und schauen in
mich selbst hinein: „Was kann ich dafür?“
Blitzschnell sondiere ich innerlich die Möglichkeiten:
Ist Heddi vielleicht ein bisschen behindert? ...konnte ich das übersehen?
War es die Zigarette, schwanger? ...das Glas Wein???

Vorstellungsrunde. Verleugne ich das Kind, das da vor mir liegt? Behaupte, mich im Haus
geirrt zu haben? (Eigentlich wollte ich wirklich irgendwie in die Kneipe nebenan.) Verheimliche ich 1, 2 oder 3 Lebensmonate?

Der Tag startet mit Fragen.
Die Antwort ist erschütternd. Und folgt auf dem Fuße.

Hallo, ich bin Wiebke. Das ist Lotta. Sie ist 8 Monate alt.
Hallo! Wir sind Stephie und Emil. Emil ist jetzt 7 Monate.
Ich bin Sibylle. Ihr könnt mich Bille nennen. Das ist Finn. Er ist 9 Monate alt.
Hallo. Ich heiße Imke. Das ist Lotta und sie ist 9 Monate alt.

„Hallo. Sie ist dreieinhalb Monate.“

GOTT SEI DANK!

Die Panik ist wie weggeblasen.
An ihre Stelle tritt das Gefühl von Fassungslosigkeit.
Ich bin nicht in der Lage, ein dreimonatiges von einem 9 Monate alten Baby zu
unterscheiden.

Ich gucke nochmal. Ich mache mir nichts vor. Nee. Nix. Kein Unterschied. Die sehen alle
gleich aus. Mehr oder weniger schön, aber in einem Alter. Gesegnet eben mit unterschiedlichen Talenten.

In mir arbeitet es. Wofür fehlt mir sonst noch der Blick...?

Augenfarbe – braun (nicht mehr blau, denn blau sind ja alle Babyaugen am Anfang, weiß
ich). Atmet. Gesund sieht sie aus. Auch fröhlich.
Sie... Warte. Ein Mädchen? Ja.

GOTT SEI DANK! Ich habe mir immer ein Mädchen gewünscht.

Dienstag, 13. Januar 2015

Gift für die Figur.

Ich war dünn. Immer.

In meinem Figurenpotpourrie war an Schlankheit alles vertreten. Auch die jugendliche
Pseudomagersuchtphase – in der man sich entscheidet, zu hungern, es aber niemals zu einer echten Anorexie bringt. Ich kam nur so weit, dürr wie ein Grashalm, zu behaupten, dass ich gerne und viel esse, nur jetzt in diesem Moment eben nicht. In der Hoffnung, man möge mir möglichst wenig Glauben schenken, um so meine bedenkliche Figur wieder in den Fokus der Sorge gerückt zu wissen. (Mir war klar – noch ein Gramm und ich klatsche mein Magervorhaben gegen die Wand und ernähre mich wieder normal.)

Heute höre ich: „So eine Schwangerschaft und was der Körper da alles leistet. Überleg mal! Dreißig Kilo zugenommen und zwanzig wieder runter. In der kurzen Zeit. 
WAHNSINN!“

Richtig. Wer rechnen kann, findet schnell heraus, dass dreißig minus zwanzig zehn und damit keine negative Kalorienbilanz ergibt.
Und die kurze Zeit wird immer länger.

Nun steh` ich da mit meinen Rundungen. Knapp sechs Monate nach der Geburt.
Ich möchte mich also zu möglichen Diäten in der Stillzeit belesen und stoße dabei auf Ebbe, Wüste, wo sich eine Tür schließt, schließt sich auch eine andere. All in, nichts geht mehr.

Laut Hebammen, Ärzten, Fachärzten, Müttern, Vätern und Heidi Klum ist eine Diät während
des Stillens ABSOLUT und vollumfänglich schädlich für das Baby. Angeblich wird die
Muttermilch vergiftet.

O! M! G!

Ich gehe in Heddis Zimmer. Um in ihre Augen zu schauen. Ihr Strahlen soll mir direkt in die
Seele brennen, dass ich nichts lieber täte, als mich für sie in Tonnenform den Prenzlauer Berg auf und ab zu rollen.

Doch machen wir uns nichts vor. Nachts sind alle Katzen grau. Und ich kann im Halbdunkel ihr Gesicht kaum von ihrem Hintern unterscheiden.

Tür zu. Ok. Google. Und ich haue mit dicken Fingern in die Tasten: „abstillen“.

Dienstag, 6. Januar 2015

SOS! PDA!

„Guten Tag. Ich bin hier wegen der PDA.“

Der Pförtner guckt mich fragend an. „Dit kenn ick nich. Wat wollnse?“

Ich will die PDA. „Ich will zum Infoabend in den Kreißsaal.“
Aber eigentlich will ich nur die PDA.

Geradeaus, links zum Fahrstuhl, 3 Stockwerke später der Kreißsaal. Albtraumland. Noch stehe ich vor der Tür. Drinnen grölt eine.

„Benjamin, ob die ne PDA hat?“ „Weiß ich nicht. Frag halt wen.“ „Schwester, hat die ne PDA?“
„Nein.“
Danke lieber Gott, mir bleibt die Hoffnung.

Die Geburt: wahrgewordener Sci-Fi-Horror. Ich: Sigourney Weaver. Und als Stargast: die
Periduralanästhesie als Spritze alles Guten.
Dazu ein Plastikschlauch im Rücken, bedrohlich nah an der Fähigkeit des aufrechten Gehens gelegt. Klingt für mich nach einem Traum angesichts eines sich aufreißenden Unterleibs, durch den sich wiederum ein ganzer Körper drückt.
Ich gehe jetzt erst mal zum Infoabend.

Wiebke und Sven sind auch gekommen. Wiebke sagt, dass der Sven gerne mit in die Geburtswanne möchte. Für das Geburtserlebnis. Außerdem möchte Sven dazu angeleitet werden, den Muttermund zu ertasten.
Das ist wohl Wiebkes und Svens Traum. Zumindest Wiebkes. Sven scheint taubstumm zu sein oder geistig umnachtet. Er nickt resigniert. Wohl angesichts der Tatsache, die fette Wiebke bald in eine Wanne zu hieven, um dann mit in ihrer Scheiße zu hocken. Natürlich nachdem der Pfuscher den Zeitpunkt der Geburt durch fachkundiges Ertasten bestimmt hat.

Ich wünschte, die Beiden kämen zu meiner Geburt. Das könnte mich von allerhand ablenken.
Die Hebamme erwidert, dass das gemeinsame Besteigen der Wanne aus hygienischen
Gründen nicht möglich sei. Um Wiebke aber ein so unbeschwertes Geburtserlebnis wie möglich zu verschaffen, würde sie zu homöopathischen Mitteln raten.

Dass Frauen unter der Geburt manchmal um Medikamente bitten, die gerade eine
mittelschwere Periode lindern, habe ich durch Sagenhören erfahren, aber Homöopathie?
Hypnobirthing, Globuli und Lachgas. STOP!
Diese Frauen, die den echten Geburtsschmerz ertragen wollen. Die, die dieses Gefühl erlebt haben möchten...

Ich habe genug im Leben durchgemacht: einen Ex-Freund, der nicht schreiben konnte. Einen Ex-Freund der nicht lesen konnte. Dazwischen jede Menge Freunde, die beides nicht
konnten.
Und geschrien habe ich bei jedem. ...mir die Seele aus dem Leib. Die ist zwar immer wieder, aber immer langsamer zurückgekehrt.


Und jetzt möchte ich sie einfach behalten.