Freitag, 28. September 2018

Tourette

Ich habe Tourette. Es tritt ausschließlich im Kontext Kind auf. 
Das ist krank.

Zuerst beim Kaiserschnitt meines ersten Kindes-
zur vereinbarten Operation lagsaß ich auf einem Halbliegehalbsitz. Ich trug bis zum Hinterteil ein Leibchen, war ansonsten nackt. 
Im Grunde trug mein Alles ein beleidigendes Nichts. (Nackte Beine baumeln.) Der Arzt kam in den Kreißsaal, quasi visavis Geburtskanal. Ich begrüßte ihn keck von hinter dem Sichtschutz:
"Und, gefällt Ihnen was Sie sehen?"

Stille.

Von der Geburt bekam ich nichts mit. Die Anstrengung eines beschämten Schweigens kostete mich alle Kraft und Konzentration.

Die Symptome sind geblieben:

Im Rückbildungskurs nach meinem zweiten Kind-
die Hebamme sensibilisiert für Studien, die auch in der Stillzeit die Idee des unregelmäßigen und dafür harmlosen Alkoholkonsums vernichten.

Ich skandiere lauthals in die rückbildende Müttermenge:
"LÜ-GEN-PRES-SE! LÜ-GEN-PRES-SE!"

Lache mich tot. Keine lacht. Ich fange an zu schwitzen, werde rot, wechsle den Kurs.

Bei den Abholungen meiner Tochter von den Kitakindergeburtstagen-
letztes Mal frage ich die zuständige Mutter mit einem übergriffigen Knuff in die Hüfte:
"Naaaaaa Gerlinde, es gab doch Nutten und Koks?"


Bei eigenen Kindergeburtstagen derselbe Stiefel-
einem mir fast unbekannten Elternpaar, das sich bei der Abholung ihres Sohnes vor dem Gartentor zur Begrüßung küsst, brülle ich entgegen:
"Nehmt Euch n Zimmer, verdammt nochmal!"

Vervielfältige diese Peinlichkeit, indem ich dämlich brüskiert in die um mich herumstehende Elternrunde schnaube:
"Petting in der KGA*. So weit kommt's noch."

Tic-artig.

Die längst bekannte Stille auf das Gesagte, das peinliche Schweigen danach - 
nichts kuriert meinen Zwang.

Ich erkläre mir mein abartiges Verhalten mit dem jugendlichen Leichtsinn der plötzlich begonnenen Mutterrolle. 
Vielleicht ist der spontane Auswurf obszöner und unangemessener Ausdrücke der Versuch elterngesellschaftlicher Isolation. 
Oder eine Idee von Jugendsprache?! 

Die Sprache habe ich verlernt. Die Ausgrenzung gelingt-
Es gibt zwei Stammtische in der Kita meiner Tochter. Einen der Väter. Einen der Mütter. 
Und ich bin niemals eingeladen.

Zu keinem der Tische.


Ficken.











*Kleingartenanlage

Mittwoch, 15. August 2018

Vorgeführt

Ich habe einen Kleingarten, zwei Kinder und wünsche mir eine Heirat. Statt zu Kaffee und Kuchen müsste ich zu Bukkake einladen, um die Balance zwischen dem was ich bin und einem angesagten Lifestyle wieder herzustellen.
Doch den heiligen Gral der Beschissenheit mittdreißiger Machenschaften habe ich noch nicht erreicht:

...den Kita-Aushang: Hallooo, wir sind die Neuen.

Gefesselt stehe ich vor dem Blatt Papier Selbstgefälligkeit, das sich mir in Augenhöhe dennoch direkt in die Eingeweide bohrt. Die aktuelle Meldung am schwarzen  Brett der KITA meiner Tochter zeigt das Photo einer lustig winkende vierköpfige Familie, fixiert mit einem Giraffen-Magnet. Die Giraffe lacht auch.

Der Text liest sich wie eine Erfolgsgeschichte der oberen Zehntausend. Geschrieben von Einjährigen.
Tatsache.

Die Zwillinge Thea und Tibor lassen Interessierte wissen, dass sie neu in der Krabbelkäfer-Gruppe sind. 
Punkt.

Die packenden Inhalte schreiben diese gewitzten Windelscheißer über ihre "Ellis" unter: 
"Das sind unsere Ellis."

"Unsere Mama Christine und unser Papa Frank haben eine Wohnung in der Nähe der KITA gekauft. Und solange dort die Bauarbeiter sind, müssen unsere Ellis quer durch die Stadt in die KITA brausen, um uns abzugeben. Puuuh, das ist ganz schön anstrengend. 
Unsere Mama ist Ärztin, unser Papa ist systemischer Berater. 
Am Wochenende sind wir immer in der Schorfheide. Da ist ganz viel Platz, um mit Euch unseren Geburtstag zu feiern.
Wir freuen uns auf das kommende KITA-Jahr mit vielen spannenden Herausforderungen, an denen wir wachsen können. Eure Zwillis."

Sky is the limit.

Ich frage mich: was ist mit den Kindern? Keine Infos zu Hobbys und Hochbegabungen. Kein Englisch? Kein Bikram Yoga, kein Schach. 
Ich bin enttäuscht.

(Haben die Eltern den Text geschrieben?)
Mit Eierzeigen hätte das ja dann einiges zu tun.

Vielleicht also doch ein bisschen Bukkake in meinem Leben...

Mittwoch, 8. Februar 2017

Kinder raus! Oder auch: Kinder wieder rein!

Hier ein Text, den ich nicht online stellen wollte, weil zu viele Themen zusammenkamen. 
Ein chaotischer Wut-Text.
Im Nachhinein finde ich –
manchmal ärgert man sich eben über Mütter/Kinder, Ayurveda/Hüte und die AfD.
Ich bereue nichts.

Kinder raus! Oder auch: Kinder wieder rein!

Früher gab es Tage, die so voller Langeweile waren, dass ich nur noch siechen konnte. 
Heute gibt es keine Weilen mehr, keine kurzen, keine langen,
gar keine Weile, keine einzige Weile. 
Ich schaffe es tageweise nicht mir die Zähne zu putzen oder die Haare zu kämmen.
Manchmal  ziehe ich einen Pyjama an, der auch als Klamotte für den nächsten Tag durchgeht. Und bleibt. Auch am Tag darauf. 
Nie kann ich auf der Toilette sitzen, ohne, dass sich die Türklinke sofort bedrohlich nach unten drückt, Hedda reinkommt und mit einem Stück Klopapier versucht an meinen Hintern zu kommen.

Aber vor allem habe ich keine Zeit meine motherhood zu regretten. 
Ich halte dieses Phänomen für eine Masche. So eine Art Mut zur hässlichen Behauptung. Wie bei Männern mit Hüten. Die wissen, dass das nicht aussieht, wollen sich aber behaupten. 
Na so ein zeitgemäßes Offenbarungsding eben. Für das man sich genau so wenig schämt, wie im ayurvedischen Supermarkt über Stuhlgang zu reden.

Vor kurzem wurde eine stillende Mutter aus einem Café im Prenzlauer Berg geworfen. 
Wegen des Stillens.

Ich könnte mir vorstellen, dass so ne motherhood regrettende mother da mit ihrem Kind extra reingeht. Da wird sie dann schief angeguckt und regrettet ihre motherhood noch mehr. Außerdem fühlt sie sich verstanden. Vom Barista. Trotz Sprachbarrieren. Der regrettet die motherhood ja direkt mit.

Erinnert mich irgendwie an die AfD. 
Aber nicht so einen auf #kinderraus. Schicker und noch schlimmer, weil eher so einen auf #kinderniekommen oder #kinderzurück. Also gar nicht erst machbar, komme was wolle. 
Zumindest visionär.
Schließlich nehmen einem die Kinder irgendwann wirklich die Arbeitsplätze weg. 
Regretten die vielleicht deshalb? Oder etwa auch wegen Outfit, Haar und Zahn?

Ich bräuchte wirklich eine Weile, um das zu verstehen.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Kinderschauspielplatz des Grauens

2. Advent auf dem Kinderspielplatz. 
Hedda greift sich eine rote Backform, um mir ein leckeres Vanillehörnchen zu backen. Ich denke an ehrlichen Döner und heuchle Genuss bei Sandgebäck.

In diesem Moment fängt ein Kind an zu schreien. Ohrenbetäubend.
Eine Mutter kommt angelaufen und ruft, dass der Oskar das nicht mag, wenn er sein Spielzeug teilen muss. Sie lächelt dämlich milde.
Oskar steht vor mir und heult.

Verpiss Dich, denke ich. Und nimm Deine hässliche Backform mit.
Mutter, Backform und Oskar entfernen sich wieder. Oskar flennt immer noch.
Spontan fällt mir ein: ...die Scheiße kann man eh nicht essen!
Hoffentlich hat es Oskar trotz Gekreische gehört.
Die Mutter guckt mich an.
Ich kämpfe mit mir. Ich würde gerne noch brüllen.
Sowas wie..., dass..., dass es den Weihnachtsmann nicht gibt.
Oskar hinkt der Mutter ohnehin etwas hinterher, ich muss die Gelegenheit nutzen. 
Ich flüstere ihm zu, bluffe bedauernd:
Der Weihnachtsmann ist für Dich leider gestorben.

Leider.

Hedda tippt mich an.
Ihre Augen sind medizinballgroß, die Pupillen weiten sich, keine Regenbogenhaut mehr zu sehen. Tränen: Pfützen. Bäche. Meere.
Weihnamann TOT???
Scheiße.
Noch beim Schlafengehen erkläre ich, dass der Weihnachtsmann zwar tot sei – 
aber im Himmel und da guckt er runter auf Dich und passt auf.
Und dass es da noch Santa Clause gibt. Der übernimmt das jetzt alles.

Damit öffne ich das Tor zur Hölle und feiere ab jetzt auch Halloween.

Freitag, 2. Dezember 2016

„Schnuller abgewöhnt + Folgen“


Die letzten beiden Jahre waren gute Jahre.
(...)
Das ist vorbei.

Gerade tippe ich bei Google: „Nuckel abgewöhnt + Folgen“.
Ich bin kein Idiot, ich kenne die Folgen. Ich erlebe sie hautnah.
Die letzten beiden Wochen habe ich keine Nacht länger als drei Stunden geschlafen.

Ich bin der Maschinist. Nur ein bisschen anders vielleicht.
Der Maschinist hat abgenommen, mir setzt das Ganze nur zu.
Meine unfreiwillig gewonnene Zeit kann ich nicht nutzen. Klar.
Von 19 bis 22 Uhr bin ich dazu verdammt neben Hedda zu liegen. Wach. 
Wie ein taubstummer Fisch starre ich in die Dunkelheit und träume von besseren Zeiten.
Zwischendurch werde ich fertig gemacht:
Mami, dreh Dich um...
Eeey, wach wieder auf...
Mami, dreh Dich nochmal um...
Neben mir liegt die kleine Hitlerin.

Dazu gekommen ist etwas, das sich Nachtschreck nennt. Als wäre alles nicht schrecklich genug.
Ein traumatisiertes Verhalten auf den überraschenden Verlust:
Der Nuckel-entzug war kalt. Ich habe den Nuckel verloren. 
Aus der zäh lamentierten Geschichte Bald holen die Weihnachtsmänner den Nuckel ab, wurde Die Weihnachtsmänner waren spontan da und haben den Nuckel abgeholt.  
Dramaturgisch kein guter Schachzug. Der Epilog vor dem Showdown. Dumm. Total dumm.

Hedda leidet nun unter diesem sogenannten Nachtschreck. 
Sie verhält sich wütend – in einer Art schlafendem Wachzustand. 
Während Sie schläft, schreit sie mich an: Geh raus oder Lass mich in Ruhe oder so.
Ich würde am liebsten dasselbe zurückbrüllen.

Die Reaktion des Vaters ist oft die gleiche:
auch kreischend – Ich halte das nicht mehr aus, knallt er wie ein Irrer aus dem Bett erst gegen das Regal, dann gegen die Wand, dann gegen die Tür.
Dann ist er weg.
Ich denke über Entmündigung nach.

Morgen werde ich wieder googeln.
Auf Seite 3 finde ich ihn bestimmt. Den Hinweis, dass dieser Wahnsinn seine zeitlichen Grenzen kennt. Dass alles eine typische Phase ist, ein nötiges Entwicklungsstadium, der allmächtige Schub.

Und wenn nicht. Dann sind die Folgen nicht absehbar.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Ballade

Letztens sagte einer: „Schreib ein Buch über den Prenzlauer Berg!“

Seitdem recherchiere ich in Gedanken.

Der Titel soll lauten: „Planet der Schwaben“.
Es soll ein Kochbuch werden. Mit viel lecker Konsum. Und Köstlichem vom Spieß. Alles clean eating.
Mit schwarz-grünem Smoothie-Mix. Prise Kommerz, Löffelchen Bio.
Und alles auf Englisch.
Ich werde es meiner Tochter widmen: Der Hedda.

Oder es wird ein Elternratgeber.
Der Titel kann lauten „vegan diet for children – meat risk“ oder so. ...doch ein Kochbuch? Auf jeden Fall Englisch.
Rat muss drin sein. Wie die Kleinen auf Spielplätzen ihr Spielzeug verteidigen. 
Wie sie der Versuchung von Wurst widerstehen.
Und ein Kapitel für den elterngerechten Einkauf im kids concept store. 
Und den Einkauf von niedlichen, kleinen Markenturnschuhen. Die stammen zwar aus Kinderarbeit, aber immerhin nicht aus der der eigenen Kinder. Check.
Kinder müssen auch lernen Konflikte immer, wirklich immer, selbst zu lösen 
– gewusst wie. Mithilfe von Apps vielleicht.

Apps... Vielleicht doch ein Jugendroman? Von unbedeutenden Kleinstädtern auf der Suche nach dem ganz großen Like. Vom kleinen, dünnen Mann, der auszog, um groß zu werden und dünn zu bleiben. Dringend auf Englisch. Dürre ist dumm. Skinny ist beste. Der läuft dann in ein (ehemaliges) Nazihaus, um ein Photo von der Aussicht über den Tellerrand zu schießen.
Wird nur `n Selfie. Mega-Dislike.

Oder ein Sachbuch. Über Mietrecht.
Titel? „Komm als Freund, bleib als Schwein.“ wäre nicht sachlich.
Da erkläre ich dann, dass man für das richtige feeling in den Osten zieht. Bei Gerüchen aus der Pinte im Erdgeschoss muss geklagt werden. Und nicht billig wohnen. Drei Jahre provinzieller Landflucht zum Übergang im unsanierten Altbau sollten genügen.
Danach dann ein Townhouse mit ein bisschen Rest-Identität im Namen.
Und mit bisschen Englisch... „Schoenhouse“ vielleicht.
Klingt fast wie ein Märchen...

Oder ein Märchen!

Aber dazu fällt mir nichts ein.


Euer Stephen King

Donnerstag, 4. Juni 2015

Bei Anruf – Gähnende Leere!

Wut ist ein seltsames Spiel. Mit einem Kind entstehen ganz neue Wüte. Daher bin ich oft wütend.
Seit kurzem stelle ich das gesteigerte Desinteresse meines Umfelds an meinem undesaströsen Familienleben fest – und möchte alles kurz und klein schlagen.

...früher noch der Woody Allen der sensationshungrigen Stammtischmeute, stolzer Träger amüsanter Alltagsspitze, Erfinder kleiner Katastrophen mit großem Unterhaltungswert, mit festem Fuß im Fettnäpfchen und einer Vielzahl kurzweiliger Beziehungen, die das ein oder andere ebenso flotte Anekdötchen für eine heitere Thekenrunde in petto hielten.

Das Telefon war von meinem Ohr nicht mehr wegzudenken. Das war beinahe eine organische Sache. Festnetz, Handy, Headset – ich war quasi 24/7 das Callcenter der peinlichen Romanze.

„Wie geht es mit M?“
„Nicht so gut. Er hat wieder ne Andere gevögelt.“
„Dieses Schwein.“
„Ja, er ist ein richtiges Schwein.“
„Willst Du ihn töten?“
„Ich denke ja.“
„Ok. Ruf an, wenn es erledigt ist.“
„Ok.“
„Tschüss.“
„Tschüss.“

Ich bin momentan grundsätzlich glücklich. Ein großes Problem. Das Schmieröl meiner Freundschaften – Leid – ist damit ranzig geworden und beeinträchtigt den bis dahin gut laufenden Motor doch erheblich.
So befindet sich mein Handy heute – vor allem im Flugmodus – auf einer sehr durstigen Langstrecke.

„Hallo.“
„Hallo.“
„Wie geht es mit B?“
„Sehr gut.“
„Mh, schön.“
(...)
„Aber er ist ein Schwein?“
„Ja, er ist auch ein richtiges Schwein.“
„Mh. Tschüss.“
„Tschüss.“

Das Interesse endet im Grunde vor dem Hallo. Der Rest ist der peinliche Versuch, der öden Situation doch noch Spannung einzuhauchen.

Wieder könnte meine Chance bei meinem Kind (1) liegen.
Vielleicht kann ich es zu Smalltalk-Zwecken ins Spiel bringen, um meinem Privatleben den gewissen Pep zu verleihen?

„Hallo.“
„Hallo.“
„Weißt Du was Heddi gemacht hat?“
„Nein.“
„...sich bis zum Hals vollgeschissen.“
„Nein! Dieses Schwein.“
„Ja, sie ist wirklich ein Schwein.
Ich muss sie jetzt wieder aus der Scheiße ziehen. Wie immer.“
„Ok. Tschüss.“

Tschüss.